«Menschen zu helfen, ist fantastisch»

Ein Portrait über Ernesto Rodriguez

Portrait Ernesto Rodriguez
Portrait Ernesto Rodriguez
Zeit haben, um Menschen zu helfen: Für Ernesto Rodriguez Acosta aus Deitingen gibt es kaum etwas Schöneres. Mit seinen Einsätzen als Rotkreuz-Fahrer erfährt er viel Bereicherung.

Hie und da reichen zehn Minuten, um sich nahe zu sein. So nahe, dass man einander das ganze Leben erzählt. Das erlebte Rotkreuz-Fahrer Ernesto Rodriguez bei seiner allerersten Fahrt für das Schweizerische Rote Kreuz Kanton Solothurn. Die Frau, die er von Deitingen nach Solothurn zum Arzt fuhr, schenkte ihm vom ersten Moment an ihr Vertrauen. "Das beglückte und beschwingte mich. Ein wundervolles Gefühl!"

Man merkt Ernesto Rodriguez an, dass er seine Gäste mit Freude zum Arzt, ins Spital und zur Therapie fährt (vgl. Randspalte). Er hat einen guten Draht zu den Menschen, auch zu älteren. "Ich kann mich gut in sie hineindenken und -fühlen. Mir kommt dann meine Mutter in den Sinn. Sie ist 85 und wohnt alleine."

Mexiko hinter sich gelassen

Ernesto Rodriguez ist in Mexiko geboren, als achtes von zehn Kindern. Er hat  vierzehn Jahre als Sportlehrer an einer Schweizer Schule in Mexico City gearbeitet, wo er seine Frau kennenlernte, eine Schweizer Lehrerin. Ihre Tochter ist in Mexiko geboren. Als seine Frau in der Schweiz eine Stelle bekam, lag es nahe, hier eine gemeinsame Existenz aufzubauen. Kein leichter Entscheid. Damit liess Ernesto Rodriguez vieles hinter sich.

Der 52-Jährige versuchte, in der Schweiz Arbeit als Sportlehrer zu finden. Zwar leitet er einmal pro Woche Trainings für Bauern und Jugendliche und nimmt sporadisch Engagements als Personal Trainer an, doch einen fixen Job hat er nicht gefunden. Darum entschloss er sich, Hausmann zu werden und sich um die Tochter zu kümmern. Das war gewöhnungsbedürftig, weil in Mexiko die Männer den Haushalt den Frauen überlassen. "Aber das ist nebensächlich. Hauptsache, ich kann meinen Beitrag leisten, damit es meiner Familie gut geht. Mittlerweile bin ich ein Putzprofi."

Zeit haben und helfen

Doch all das füllte ihn nicht mehr ganz aus, seit seine Tochter keine Vollzeit-Betreuung mehr benötigt. "Ich habe Zeit, und ich kann ja nicht den ganzen Tag putzen. Es war eine Fügung, als mir ein guter Freund die Anregung gab, mich beim Roten Kreuz als Fahrer zu melden. Zeit haben und zu helfen, das ist phantastisch."

Die Erfahrung als Sportlehrer hilft ihm, die Menschen wenn nötig beim Ein- und Aussteigen zu unterstützen und ihnen die nötige Sicherheit zu vermitteln. Wollen Fahrgäste nicht sprechen, respektiert es. "Ihr Danke drücken sie via Körper aus. Meist sind sie bei der zweiten Fahrt gesprächiger. Manchmal hilft es, einen kleinen Scherz zu machen, und Schwere und Spannung verfliegen."

Mit einem Lächeln im Gesicht

Gesprächsthemen finden sich schnell, weil Ernesto Rodriguez Mexikaner ist. So kann er zwischen verschiedenen Kulturen Brücken bauen. "Viele fragen mich nach Bräuchen und Gepflogenheiten meines Landes. Oder haben einen Bezug zur spanischen Sprache."  Auch im Small Talk ist Ernesto Rodriguez gewandt. Dabei kommt ihm zugute, dass er Hausmann ist: "Mit Frauen kann ich zum Beispiel darüber sprechen, was sie heute kochen."

Ernesto sitzt mit einem Lächeln im Gesicht hinter dem Steuer. "Ich gehe von Anfang an offen auf die Menschen zu. Das kommt zurück: Danke, amigo, sagen die Leute. Oder: Du bist lustig. Lustig zu sein, ist gut für diesen Job. Das hat mir auch als Sportlehrer genützt: schwitzen macht viel mehr Spass, wenn man dabei lachen kann."

Doch jetzt sind die Kochkünste von Ernesto Rodriguez gefragt: Frau und Tochter rechnen damit, dass ein Essen für sie bereit steht, wenn sie zum Mittagessen nach Hause kommen. Besser gesagt: drei Essen: Tortelloni für die Frau, Spaghetti für die Tochter – und eine Portion Fleisch für ihn selber.